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Diabetes-Technologie und Barrierefreiheit
Insulinpumpen, Glukosesensoren, Diabetes-Apps: Moderne Diabetes-Technologie kann Menschen mit Diabetes dabei helfen, ihren Alltag sicherer und selbstständiger zu gestalten. Doch für blinde und sehbehinderte Menschen ist sie oft nicht nutzbar, weil Geräte und Apps nicht barrierefrei gestaltet sind. Die Arbeitsgemeinschaft Diabetes & Technologie (AGDT) der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) macht in einem Kommentar auf die fehlende Barrierefreiheit aufmerksam und stellt klare Forderungen an Hersteller, Politik und das Gesundheitssystem.
Wie viele Menschen sind betroffen?
In Deutschland leben schätzungsweise zwei Millionen Menschen mit Diabetes, die gleichzeitig eine Sehbeeinträchtigung haben. Jedes Jahr erblinden rund
2000 Menschen infolge eines Diabetes mellitus. Für sie ist der Zugang zu Diabetes-Technologie besonders wichtig - und gleichzeitig besonders schwierig.
Warum Barrierefreiheit oft scheitert
Moderne Smartphones bieten bereits gute Hilfsfunktionen: Mit VoiceOver (iPhone) und TalkBack (Android) können blinde Menschen ihr Gerät per Sprachausgabe bedienen. Allerdings nutzen viele Diabetes-Apps diese Funktionen nicht. Oft sind außerdem Schaltflächen unbeschriftet oder Grafiken haben keine Texterklärung, wodurch die Apps damit für blinde und sehbeeinträchtigte Menschen schlicht nicht bedienbar sind.
Das ist auf mehreren Ebenen problematisch. Zum einen verlieren Menschen mit Diabetes und Sehbeeinträchtigung dadurch ihre Eigenständigkeit. Können sie Diabetes-Technologie nicht selbst bedienen, sind sie auf ständige Hilfe, zum Beispiel durch eine 24-Stunden-Assistenz angewiesen, um gefährliche Stoffwechselentgleisungen zu vermeiden. Durch barrierefreie Technik könnten demnach auch Kosten gesenkt werden, wenn diese Assistenz wegfällt bzw. vermindert wird und das Risiko für stationäre Behandlungen im Krankenhaus sinkt.
Was muss sich ändern?
Die AGDT hat klare Anforderungen an Hersteller, Politik und das Gesundheitssystem formuliert, um Barrierefreiheit in Diabetes-Technologie zu integrieren.
Bei Apps und Software sollten Hersteller die vorhandenen Barrierefreiheits-Standards der Betriebssysteme von Smartphones konsequent nutzen. Dazu gehören beschriftete Schaltflächen, anpassbare Schriftgrößen und die Möglichkeit, Daten in einem Format zu exportieren, das auch mit Hilfsprogrammen für blinde Menschen lesbar ist.
Bei Geräten gilt das sogenannte "Hören-Fühlen-Prinzip": Insulinpens und -pumpen sollten ein spürbares Klicken pro abgegebener Insulineinheit haben.
Tasten müssen ertastbar sein - reine Touchscreens ohne fühlbare Markierungen sind für blinde Menschen nicht nutzbar. Alle Warnsignale, etwa bei einer Unterzuckerung (Hypoglykämie) oder einem leeren Akku, müssen zusätzlich als deutliche akustische Signale ausgegeben werden.
Auf politischer Ebene fordert die AGDT, dass Barrierefreiheit zur Pflichtvoraussetzung für die Zulassung digitaler Medizinprodukte wird.
Außerdem sollten nur nachweislich barrierefreie Systeme in das Hilfsmittelverzeichnis der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) aufgenommen werden. Die AGDT fordert außerdem, dass Diabetesberaterinnen und -berater sowie Ärztinnen und Ärzte im Umgang mit Hilfstechnologien für blinde und sehbeeinträchtigte Menschen geschult werden. Barrierefreiheit ist keine Kür, sondern Pflicht Zusammenfassend findet die AGDT deutliche Worte: "Barrierefreiheit von Diabetestechnologie ist kein optionales Zusatzfeature, sondern eine grundlegende Voraussetzung für Patientensicherheit und Eigenständigkeit." Digitalisierung dürfe keine neuen Hürden schaffen, sondern müsse den Zugang zu Behandlung und Unterstützung erleichtern. Dafür brauche es die Zusammenarbeit von Herstellern, Politik und Betroffenenverbänden.
Umfrage zu Diabetes-Technologie und Sehbehinderung. Wer selbst von einer Sehbeeinträchtigung betroffen ist und an einer aktuellen Umfrage zur Nutzung von Diabetes-Technologie teilnehmen möchte, findet diese
unter: Link zur Umfrage
von Janina Seiffert
Janina Seiffert ist Apothekerin und Journalistin bei der MedTriX Group. Sie ist tätig als Redakteurin beim Diabetes-Anker und betreut zudem das Fachmagazin "Diabetes, Stoffwechsel und Herz", in dem wissenschaftliche Beiträge, Übersichtsarbeiten zu den Zusammenhängen zwischen Diabetes, endokrinologischen Erkrankungen und kardiovaskulären Risiken erscheinen.
Quelle: Berndt-Zipfel C. et al. Kommentar der AGDT: Barrierefreiheit in der Diabetestechnologie für blinde und sehbehinderte Menschen. Diabetes, Stoffwechsel und Herz, Band 35, Ausgabe 4/2026, S. 233-235
Veröffentlicht am 25. August 2026
Janina Seiffert
Statement des Aktionsbündnis-Mitglieds Pro Retina
Stiftung zur Verhütung von Blindheit
„Uns geht es darum, mit der Unterzeichnung der Bonner Erklärung die Bedeutung der Forschung auf dem Gebiet der Augenheilkunde hervorzuheben.“
Pro Retina
Stiftung zur Verhütung von Blindheit